Startseite Einleitung Programm Konferenzorte Dokumente Unterkunft Nützliche Infos Fotos Kontakt





CONFERENCE READER





PROCEEDINGS

NOW AVAILABLE!


Offenes Europa?
Die Rolle der Kultur in der Erneuerung des Europa-Ideals

Kaum mehr als vor einem Jahr hat sich die Zahl der Mitgliedstaaten fast verdoppelt: aus fünfzehn wurden fünfundzwanzig. Für 2007 ist der Beitritt zweier Länder vorausgesehen, Verhandlungen über eine noch größere Erweiterung sind auch im Laufe. Die Größen und die Zahlen betrachtend könnten wir glauben, dass Europa höchst erfolgreich und integrierungsbereit ist, hinsichtlich der Ganzheit von Europa zeugen die politischen Richtungen und die Gesellschaftsstimmung jedoch von etwas anderem. Als Folge der Verweigerung der Europäischen Verfassung durch die Mehrheit der Bevölkerung in Frankreich und in den Niederlanden hat sich der Prozess, der durch die Vertiefung der Integration die Konsolidierung innerhalb der erweiterten Europa zu fördern versuchte, gestoppt, zumindest aber stark verlangsamt. Jetzt könnte eine längere Periode des Im-Stand-Maschierens und die Schwächung des Europa-Ideals folgen. Kann die Kultur etwas unternehmen, damit diese krisennahe Situation eine Lösung findet?

Die mit dem Beitritt der zehn neuen Mitgliedstaaten entstandene Erweiterung hat die Unterschiede in der Europäischen Union nur gestärkt. Das unterschiedliche Maß der Wirtschaftsentwicklung, die Unterschiede zwischen den reichsten und den ärmsten europäischen Regionen sind auch vielfältig. Daher steigt nur die durch die Flut der aus den neuen Mitgliedstaaten kommenden Gastarbeiter verursachte, immer stärkere Angst vor der Arbeitslosigkeit. Die Integrierungsfähigkeit der Gesellschaft konnte mit dem schlagartigen Zunehmen der Mitgliedstaatenzahl nicht Schritt halten. Die Strukturprobleme des west-europäischen Gesellschaftsmodells lösen Unsicherheiten in Gesellschaften aus, die die Arbeitsplätze nicht durch den ganz Europa betreffenden Wettbewerbszwang, sondern durch die Erscheinung von Einwanderern gefährdet sehen. Da es keinen politischen Konsensus gibt und wir die Zukunftsgestaltung der EU nicht voraussehen, fühlen wir uns noch unsicherer und können uns mit der Verstärkung der Vielfalt nicht befrieden.

Was kann die Kultur für die Entdeckung des Wertes in der Vielfalt tun? Gibt es gemeinsame Werte, die von den Ländern, von den Gesellschaften der sich erweiternden Gemeinschaft gleichermaßen akzeptiert werden? Gilt Solidaritä t, Geduld und Chancengleichheit auch für die Neukömmlinge? Kann die Kultur Einheit in der Vielfalt schaffen? Können wir die gemeinsame europäische Identität in den fünfundzwanzig oder noch mehr Ländern entdecken? Sind wir bereit, eine nationale und europäische Kulturpolitik zu gestalten, die das europäische Identitätsbewusstsein zu befestigen und den Integrierungsprozess zu vertiefen hilft?

Der Mangel an Enthusiasmus, die Unzufriedenheit mit der nationalen und europäischen Politik und die immer grober werdende Ablehnung der Einwanderer ist nicht nur für die "alten" europäischen Staaten charakteristisch. In den europäischen Ländern wird man überall mit diesen Fragen konfrontiert: können auch Einwanderer Europäer werden? Können sie Europäer werden, auch wenn sie ihre eigene Kultur behalten, oder nur wenn sie mit ihr abrechnen und in die Kultur des Integrierungslandes einschmelzen? Solange etliche Politiker in ihren Argumentationen die Bedrohtheit der Kultur einfach zur Ernährung und Verhetzung von Affekten mit einem Anti-Einwanderungs-Charakter verwenden, wartet die Aufgabe, den Begriff "Europäe" im kulturellen Sinne überzeugend zu formulieren, immer noch auf die europäisch gesinnte Mehrheit. Wie könnten wir die unter uns bestehenden Unterschiede besser schätzen? Wie könnten wir die Ehre des Mitgefühls und der Toleranz wieder herstellen? Wie können wir das mehrschichtige europäische Identitätsbewusstsein wiederherstellen?

Offensichtlich ist die Integrierungsanschauung der Gesellschaften und ihrer Elite am meisten durch eine kurzfristige, auf materiellen Werten bestehende Denkweise charakterisiert. Die alten Mitgliedstaaten befürchten den Ausfall verschiedener Subventionen und dass sie mehr bezahlen müssen, und die neuen Mitgliedstaaten beurteilen den Vorteil des Beitritts meistens danach, wie viel Euro sie aus dem EU-Budget erhalten. Was alles noch Europa bedeuten könnte, bedenkt niemand. Kultur sollte eine sehr bedeutende Rolle in der seit langem so erwünschten Wiederentdeckung, Wiederbewertung und Verstärkung der gemeinsamen Werte der groß gewordenen Europa spielen. Jeder Schriftsteller, Theoretiker, Gesellschaftswissenschaftler, Künstler, Kulturorganisator und Gemeinschaftsleiter sollte sich in diesem Prozess betätigen.

Akzeptieren wir, dass die Kultur etwas für die Erneuerung des Europa-Ideals tun kann, ist es auch unumgänglich, über die Fragen der allgemeinen Politik zu diskutieren. Sollten wir dann die Kultur als eindeutig bestimmte Priorität der europäischen Politik behandeln? Sollten wir die Foren der vielseitigen kulturellen Kooperation verstärken und weitere neue Foren schaffen? Sollten wir für die Verwirklichung von Kulturprogrammen eintreten, die über die Nationale hinausgehen? Wird die Schaffung einer echten pan-europäischen Kultur als Ziel bestimmt? Mit welchem Inhalt füllen wir den Plan aus, falls wir uns dafür entscheiden? Falls nicht, wieso haben wir diese Idee verworfen?

In diesen Monaten arbeitet jeder Mitgliedstaat an seinem Nationalen Entwicklungsplan der Mitgliedschaft für 2007-2013, denn dieser soll bald bei der Europäischen Kommission eingereicht werden. Wie könnten wir die im gegenwärtigen Rahmen angebotenen europäischen Mittel für die Unterstützung von Kulturzwecken nutzen? Wo entstand die beste Nationalstrategie, wo entwickelte sich eine, der zukünftigen Planung der Vielfalt und Integrierungsfähigkeit bestens dienende, zu befolgende Praxis, ein nachahmenswertes Beispiel?

Ich hoffe die Minister und die angesehenen Gäste in Budapest begrüßen zu dürfen und bin zuversichtlich, dass unser Treffen eine gute Gelegenheit zur Diskutierung über unsere Ansichten sämtliche Zweifel und Fragen betreffend bietet. Hoffentlich können wir in einigen Fragen auch zum Konsens kommen.

Dr. András Bozóki
Minister für das nationale Kulturerbe Ungarns


KultúrPont Iroda 2004-2005 ALL RIGHTS RESERVED