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András Bozóki
Die Chancen des Dialogs zwischen den Kulturen


Wenn wir die Nachricht von Imre Kertész an die kulturelle Konferenz in Budapest weiterdenken, so wir müssen der Verführung der „passiven Unschuld” auch dann widerstehen können, wenn wir die Zusammenhänge zwischen der kulturellen Zukunft und der europäischen Integration untersuchen. Touraine Alain lehnte ebenfalls kategorisch den anfänglichen europäischen Optimismus in Verbindung mit der Integration und Rezeption ab und machte uns auf parallele Prozesse in Richtung Zerfall und Ausgrenzung aufmerksam. Während wir uns mit Recht über das als Ergebnis die erfolgreichen europäischen Zusammenarbeit angenommene UNESCO-Konvention freuen, die sich zu den Werten der kulturellen Verschiedenartigkeit bekennt, müssen wir die sozialen und ethnischen Unruhen in französischen Städten als ein Warnsignal ansehen. Es steht außer Zweifel, dass wir den interkulturellen Dialog fortführen und versuchen müssen, die kulturelle Zusammenarbeit zu vertiefen.

Unsere Konferenz versuchte Methoden zu finden, die das Verständnis und die kulturelle Rezeption in einer Zeit fördern, in der sich vor den europäischen Gesellschaften gravierende Schwierigkeiten türmen. Die Entgleisung des europäischen Verfassungsgebungsprozesses gab der Integration der erweiterten Europäischen Union noch vor ihrer Festigung ein Haltezeichen. Wir sind auf halbem Wege zur geplanten Verwirklichung der Lissabonner Richtlinien, deren vor fünf Jahren formuliertes Ziel es noch war, die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten, dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Heute ist es offensichtlich, dass dieses Ziel in diesem Zeitraum nicht zu erreichen ist.

Das Gefühl der Ungewissheit wird in den Gesellschaften Westeuropas weiter durch das Betreiben von strukturellen Reformen in den Wohlstandsstaaten des kontinentalen Europas verstärkt. Diese Gesellschaften konnten bisher auch nicht die bisher größte Erweiterung der Europäischen Union verdauen. Es hat den Anschein, als projizierten sie ihre Ängste auf die neuen Beitrittsländer und versuchten sie gegen die von dort einwandernden Arbeiter und die aus externen Ländern eintreffenden Einwanderer zu richten. Der mangelnde politische Konsens in Bezug auf die weitere Erweiterung und die zukünftige Form der EU verstärkt dieses Gefühl der Ungewissheit. In vielen europäischen Städten kann dies zu einem Infragestellen der Akzeptanz der kulturellen Vielfalt führen.

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Diese Symptome signalisieren ernstzunehmende Spannungen in Verbindung mit der Frage, ob Europa wirklich ein rezeptives Europa ist. Langfristig können sie ein Vorzeichen für eine europäische Pattsituation und eine Schwächung des europäischen Zukunftsbildes sein. Nichtsdestoweniger bin ich davon überzeugt, dass Kultur behilflich sein kann, die gegenwärtig im Integrationsprozess eingetretene Pattsituation zu überwinden. Kultur hilft, den Wert der zunehmenden Entfaltung der Mannigfaltikeit zu entdecken und zu erleben. In der Kultur besteht die Möglichkeit, eine Lösung für diese gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise zu bieten, da sie auf einzigartige Weise und gleichzeitig in der Lage ist, Solidarität und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Eine vereinfachte Wirtschaftstheorie mag davon ausgehen, dass gesellschaftliche Kohäsion und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit unvereinbar sind. Doch ich behaupte, dass sich Solidarität und Wettbewerbsfähigkeit mittels Kultur gegenseitig stärken können. Ausgehend von dem Ziel der gesellschaftlichen Integration bedeutet Kultur Rezeption, Kooperation, Selbstachtung, Solidarität, Toleranz, Chancengleichheit, Neugierde und Dialog. Gleichzeitig steigert Kultur mit Hilfe von Innovation, Erfindungsgabe und schöpferischem Talent die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Die Aufnahme der 10 neuen Staaten hat die Unterschiede innerhalb der EU vermehrt. Der wirtschaftliche Entwicklungsgrad weicht zwischen den reichsten und den ärmsten Regionen Europas in mehreren Punkten voneinander ab. Ängste vor der erfolgten und vor der zukünftigen Erweiterung verschmelzen mit der besorgten Kenntnisnahme der Globalisation, des Verfalls der nationalen Identität, der wirtschaftlichen Stagnation, der Krise des Wohlfahrtsstaates, der Veralterung der Gesellschaft und der Einwanderung. In diesem Zusammenhang war die Aufnahmefähigkeit der Gesellschaften nicht ausgeprägt genug, um mit dem plötzlichen zahlenmäßigen Anstieg an Mitgliedstaaten Schritt zu halten.

In den neuen Mitgliedstaaten ist die Entfernung im Hinblick auf die kulturellen Möglichkeiten (z. B. zwischen den Städten und Dörfern) größer als im „alten” Europa. Es gibt Lücken im Zugang zu Kulturgütern und -leistungen sowie in den Ressourcen der kommunalen und zentralen Regierungen. Die kulturellen Gewohnheiten der wohlhabendsten und der ärmsten Gesellschaftsschichten weichen im östlichen Teil der EU stärker voneinander ab. Die Traditionen starker kommunaler Gemeinschaften sind schwächer als in den konsolidierten Gesellschaften der westlichen Mitgliedstaaten. Dennoch, in dieser Region, die vom Westen nur ein wenig weiter östlich liegt, blickt die Verwendung der Kultur als Mittel zur Förderung der gesellschaftlichen Mobilität und Rezeption auf eine größere Tradition zurück. Zur Steigerung der Aufnahmebereitschaft zwischen den Mitgliedstaaten und innerhalb der Mitgliedstaaten müssen kulturelle Prioritäten in den im Rahmen der europäischen Strukturfonds realisierten Programmen eine größere Rolle spielen. Die nationalen Entwicklungspläne sollten die Kultur als Priorität behandeln. Zwischen den Mitgliedstaaten müssten die besten Vorgehensweisen für die kulturelle Planung ausgetauscht werden.

Laut dem Bericht von Ján Figel plant die Europäische Kommission, 2008 zum Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs auszurufen. Ich glaube, dieser Dialog muss auf mehreren Ebenen urgiert werden. Zuerst muss er in den sich aus der Einwanderung und Mobilität entwickelnden multikulturellen Gesellschaften und Gemeinschaften in den Vordergrund gerückt werden. Zweitens zwischen den Gesellschaften der alten und neuen Mitgliedstaaten. Und schließlich drittens zwischen den EU-Mitgliedstaaten, den späteren Beitrittsländern und den nicht EU-Mitgliedstaaten (insbesondere den neuen Nachbarländern).

Interkultureller Dialog muss mehr bedeuten als bloßer kultureller Austausch! Er muss die Zusammenarbeit und das gemeinsame Schaffen stärken! Er muss die Gesellschaften um Fähigkeiten und Verhaltensformen bereichern, die sie dazu befähigen, das komplexe, multinationale, multikulturelle und vielsprachige Umfeld nutzbar zu machen. Kultur kann sowohl ausgrenzende als auch integrierende Gesellschaftsfunktionen erfüllen. Einerseits bringt kulturelle Ausgrenzung gesellschaftliche Rückständigkeit hervor. Andererseits muss uns bewusst sein, dass Einwanderer und Migranten eine positive Rolle bei der Schaffung des Beziehungssystems zwischen den Kulturen und den EU-Räumen spielen. Diese Vielfalt kann als Grundlage für die europäische Entwicklung und Innovationsfähigkeit dienen.

Die sprachliche Vielfalt ist ein bestimmendes Merkmal Europas. Oft heißt es, die Übersetzungstätigkeit sei eines der bedeutendsten Geschäfte in Europa. Wie Umberto Eco einmal treffend bemerkte: „Europas Sprache ist die Übersetzung.”

Gleichzeitig könnten mit der praxisbezogenen Annahme der Verwendung der englischen Sprache als Sprache des europäischen Diskurses Ressourcen freigestellt und zur Förderung von weniger gesprochenen Sprachen aufgewandt werden. Kleine Sprachen sind wertvolle Ressourcen. Wie der Kultusminister von Malta argumentierte, ist eine Sprache das großartigste Erbe, das ein kleines Land der Weltkultur geben kann. Statt der Übersetzung von bürokratischen Texten sollten die Politik der Mehrsprachigkeit den Unterricht, literarische Übersetzungen und die sonstige Förderung der von Minderheiten gesprochenen Sprachen in den Mittelpunkt stellen.

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An dieser Stelle lohnt es sich, auf die Zusammenhänge zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Kultur einzugehen, sowie darauf, wie Wettbewerbsfähigkeit durch Vermehrung von Humankapital entwickelt werden kann.

Mit der Erweiterung ist die kulturelle und sprachliche Vielfalt Europas gewachsen. Viele Zweifler konnten bislang noch immer nicht davon überzeugt werden, dass die Erweiterung kein Prozess ist, der eine Bedrohung für die europäische Integration darstellt; im Gegenteil, sie stellt eine einzigartige Möglichkeit zur Steigerung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und zukünftigen Verwirklichung des Lissabonner Ziels dar. Durch die Erweiterung wird im Allgemeinen auch der Kreis der europäischen Ressourcen erweitert, was es der EU theoretisch ermöglicht, ihre sich schnell entwickelnden globalen Konkurrenten einzuholen. Diese Ressource ist das Humankapital. Der Kreis des Humankapitals kann durch Investitionen in die Kultur und in Bildungssysteme erweitert werden.

Es lohnt sich auch deswegen in Kultur zu investieren, weil sich dies im Hinblick auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und die Beschäftigungrate mit einem messbaren Nutzen verbunden ist. Kreative Gewerbezweige, die so verschiedene Gebiete umfassen wie den Kulturtourismus, die Medien und die Zweige der Unterhaltungsbranche, die Software-Entwicklung oder Modeschöpfung, sind sämtlich globale Wirtschaftszweige des 21. Jahrhunderts mit der dynamischsten Entwicklung. Die durch die UNO-Weltorganisation für geistiges Welteigentum (WIPO) mitgeteilten Statistiken veranschaulichen deutlich, dass Länder und Regionen, die in die Steigerung der Kreativität ihrer Staatsbürger investieren, auch im Wirtschaftswachstum an Spielraum gewinnen. Jene Länder, in denen der Anteil der kulturellen Tätigkeiten am GDP am höchsten ist, sind gleichzeitig die weltweit wettbewerbsfähigsten. Kulturelle Innovation und kreative Gewerbebranchen gehören also zu den besten Mitteln wenn es darum geht, wettbewerbsfähig zu werden.

Wir schlagen der Kommission und unseren Regierungen daher vor, die kulturellen Prioritäten in die nationalen und regionalen Entwicklungspläne und Bildungsprogramme einzubeziehen sowie die Programme für Klein- und mittelständische Unternehmen, die Nachbarschaftspolitik der EU und vor allem die Lissabonner Vorstellungen zu fördern. Europa bedarf gleichzeitig aber auch – gemäß gewissen Prioritäten – der ausgeprägteren Harmonisierung zwischen den nationalen Kulturpolitiken.

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Es gibt noch ein wichtiges Gebiet, das die kulturellen Möglichkeiten und die Integrierungschancen der Jugendlichen und der kommenden Generationen beträchtlich beeinflusst.

Zugangsmöglichkeiten zu kulturellen Produkten müssen erweitert werden, weshalb bei kulturellen Tätigkeiten die Wichtigkeit der digitalen Netzwerke in Betracht zu ziehen ist. Wenn wir die Prioritäten für die kommenden 15 Jahre kalkulieren, also bereits in das Jahr 2020 blicken, so verdienen digital zugängliche kulturelle Inhalte und Leistungen sowie das Schaffen von Inhalten und ihre Bereitstellung im Netz eine immer größere Beachtung.

Abgesehen von dem an dieser Stelle gewöhnlichen technologischen Optimismus bieten digitale Netzwerke beispiellose Möglichkeien für die Verbreitung von Ideen und kulturellen Produkten sowie für ihre Verwendung zu Unterrichtszwecken. Der französische Kultusminster erwähnte die Einrichtung einer digitalen europäischen Bibliothek. Dieser Plan wird bereits von sechs Mitgliedstaaten unterstützt. Zugänglichkeit ist in unserer Zeit der Schlüssel zum Verständnis des Kulturmarktes. Das Eröffnen und Zugänglichmachen des europäischen Erbes kann im globalen kulturellen Wettbewerb Vorteile sichern. Ja, die europäische Kultur kann den Sieg über die globale Massenkultur gewinnen, ganz einfach deshalb, weil sie erreichbar ist.

Der Zugang zur Kultur ist gegenwärtig oft durch urheberrechtliche Vorschriften eingeschränkt. Um ihn zu erleichtern, müssten wir einen anschauungsbezogenen Änderungsprozess einleiten, in dem neue, kreative Möglichkeiten zum Überdenken unseres aus den vorgehenden Jahrhunderten übernommenen Systems zum Schutz des geistigen Eigentums angewandt werden können, und zwar Lösungen, die für den Urheber, das Gemeinwohl und den Markt des 21. Jahrhunderts gleichermaßen befriedigend sein können. Besonders betonenswert ist die Notwendigkeit des Zugangs der Öffentlichkeit zu staatlich geförderten kulturellen Inhalten. Das Kreative Archiv der BBC kann als nachahmenswertes Beispiel dienen. Es ermöglicht es den Benutzern, BBC Dokumenten-Programme zur nichtkommerziellen Verwendung herunterzuladen: diese auf ihrem PC zu speichern, zu bearbeiten und frei zu verbreiten. Kreative Archive machen die Archive von Medien des öffentlichen Dienstes für die Öffentlichkeit zugänglich und nutzbar, welche die Schaffung ihrer Inhalte über Lizenzgebühren unterstützt.

Die auf ähnliche Weise erfolgende Freistellung der Medienarchive würde besonders dem Interesse der Öffentlichkeit in Ost- und Mitteleuropa dienen. In unserer Region waren die staatlichen Medien bis vor kurzem in einer Monopolsituation. Die Zugänglichmachung der im staatlichen Eigentum befindlichen kulturellen Archive ist daher von existentiellem Interesse. In dieser Frage bieten sich sogar mehrere rechtliche Lösungen an. Die Adelphi Charta über „Kreativität, Innovation und geistiges Eigentum” ist zum Beispiel eine Initiative, die von Großbritanniens Royal Society of the Arts (Königliche Gesellschaft für Künste) ins Leben gerufen wurde und die unter anderem durch den brasilianischen Kultusminister Gilberto Gil ratifiziert wurde. Die Charta ruft zu einem Zusammenschluss auf breiter Linie im Interesse des Ausbaus eines geistigen eigentumsrechtlichen Systems, das gleichzeitig die Verteilung von Wissen und die Anerkennung der Innovation gewährleistet. Die kulturelle und rechtliche Bewegung Creative Commons („Kreatives Gemeingut”) bietet die verschiedensten Lizenzmöglichkeiten innerhalb der gegenwärtig in Kraft befindlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Dadurch wird Kultur zugänglich gemacht, wächst die Möglichkeit der Kreativität für weniger bevorzugte Gruppen und Gemeinschaften. Auf diese Weise kann auch eine haltbare Wirtschaftsentwicklung gestärkt werden. Ein gemeinsames Merkmal dieser Initiativen ist, dass eine jede den Zugang der Gemeinschaft zur Kultur im Interesse der Öffentlichkeit erweitert und zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kulturprodukte beiträgt.

Zu guter letzt möchte ich als Themen für die europäischen kulturbezogenen Konferenzen die folgenden Fragen vorschlagen: 1. Wie können gesellschaftliche Kohäsion und Wettbewerbsfähigkeit mithilfe der Kultur gesteigert werden? 2. Wie kann Kultur als Priorität unter den Lissabonner Zielsetzungen behandelt werden? und schließlich 3. Wie können Kreativität, Innovation und Verständnis durch die Förderung digitaler Netzwerke und Plattformen sowie durch ein Überdenken der geistigen Eigentumsrechte für die kommenden Jahrzehnte einen größeren Spielraum erhalten?

Denn wir alle – Künstler, kulturelle Aktivisten, Politiker – befinden uns mit unserer Mannifaltigkeit in Wirklichkeit in einem einzigen Passagierraum. Der Name unseres Schiffs ist „Europa”.

(Der Artikel ist eine redigierte Version der auf der Konferenz „Integrierendes Europa?” verlauteten Schlussansprache des Ministers.)


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